30.09.2011 von Andreas Querfurth

Arbeit am Klang der Stadt - Betrachtungen zu einer couragierten Initiative

Unsere Sprache kennt harmlose und friedfertige Worte und solche, die es ziemlich hinter den Ohren haben - das Wort „Entwicklungs-Forum“ gehört eher zu letzterer Kategorie, es kündete schon 1991 von einem substanziellen Balanceakt, von Unruhe und Unbestimmtheit, und anders wäre der Entwicklung dieser Stadt ja auch kein Forum zu geben, einer Stadt, die sich seit 20 Jahren in einer fulminanten Veränderung befindet. Der Bürgerverein, dessen Jubiläum wir heute feiern, hat diese semantische Vorprägung allerdings real auch bestens erfüllt - er ist, blickt man über die Fülle seiner Aktionen und Veranstaltungen in zwei Jahrzehnten, mindestens in meiner Optik bis heute ein Ort produktiver Unruhe geblieben.

Das liegt natürlich zuerst am Thema, an einem Problemfeld, das viele Dutzende öffentliche Abende gefüllt und Heerscharen von Verwaltungsmitarbeitern und engagierten Bürgern dieser Stadt in heftige Bewegung versetzt hat: die Entwicklung Dresdens, das Wachstum dieser Kommune. Gunter Just, sieben Jahre lang ihr Baubürgermeister,  hat in seinem Buch „Bauplatz Dresden“, mit dem er 2003 eine Zwischenbilanz hiesigen Städtebaus nach der deutschen Wiedervereinigung gegeben hat, dezidiert von einer „Stadtneuausformung“ gesprochen. Auch das ein Unruhewort: Eine Stadt, einst zu den charismatischen Orten in Deutschland gezählt, hatte sich aus der totalen Zerstörung am Ende des Krieges nur mühsam in einen bewohnbaren Ort zurück verwandelt und war 1990 mit einem Innenstadtbild voller Brüche und Fragmente, voller ideologisch bedingter Bausünden und Brachflächen, mit desolater Substanz und Infrastruktur etc. etc., plötzlich zu einer realen Bauaufgabe geworden. Eine Beglückung und eine Herkulesarbeit, deren Dimension man sich dann und wann, gerade weil wir seither alle mehr oder weniger im Dickicht der Strukturen ein Stück Unschuld verloren haben, vergegenwärtigen sollte. Alles musste damals gleichzeitig passieren: ein „Rahmenkonzept Stadtentwicklung“ ist entstanden, das eine problematische Ausgangslage mit neuen Erfordernissen verband, die man ihrerseits überhaupt erst zu definieren begann; es waren die alten Fragen der europäischen Stadt auf das „Bauentwicklungsgebiet“ Dresden zu projizieren und zwar maßvoll in jenem Sinne, der ökonomische, kulturelle und mentale Erwartungen und Kräfte in eine humane Balance zu bringen hatte. Diese Moderation - das Entwicklungsforum weiß, wovon die Rede ist - erwies sich dann als oft die eigentliche Herkulesarbeit. Ihre Spannweite wird in dem schon zitierten Bauplatz-Buch von Gunter Just, Jörn Walter und Annette Friedrich ausgesprochen anschaulich geschildert und von fünf Architekturkritikern mit Blick auf zwölf Jahre realen Baubooms empathisch analysiert.
Ich verweise deshalb gern auf diese Edition, weil ich redaktionell daran beteiligt war und insofern zu genauer Lektüre verpflichtet – ich habe damals viel lernen können. (nb. ist gemeinsames Lernen für mich als jemand, der nicht zur Zunft gehört, auch die eigentliche Legitimation, hier zu stehen). Ich erinnere mich z.B. an lange Gespräche mit Herrn Just über solche Aufgaben wie die Vermittlung von Baugesetz nebst Klagerecht mit den künstlerischen Qualitäten einer Architektur; oder die Frage Renditeerwartung versus Gemeinsinn; oder die der Durchsetzung einer nachhaltigen Verkehrsplanung; oder der Ausgleich von verständlichen Wiederherstellungsträumen mit berechtigten Modernisierungswünschen – s. Neumarkt…
Alle Anwesenden werden mir die Harmlosigkeit solcher Fragestellungen natürlich sofort bestätigen. - Es sind dies Grundfragen unserer Zivilgesellschaft. Sie können unversehens auch  zu Lebensaufgaben werden und beschäftigen die Gesellschaft, seit sie überhaupt in der Lage ist, solche Fragen zu stellen - was man schon an sich als einen Kulturfortschritt bezeichnen sollte. Vor ein paar Wochen bin ich gelegentlich des 100. Geburtstages des verehrten Max Frisch auf den Mitschnitt seiner Rede „Vom Zuhausesein in unserer Zeit“ gestoßen, in der der gewesene Architekt die Sprengung der traditionellen Stadt durch neue Bedürfnisse am Beispiel München beschreibt. Alle Vokabeln sind dort schon da, die wir für das Problem haben: autogerechte Stadt, Shopping-mall, Verlust an Urbanität und Spekulationsdruck des Kapitals, Gettoisierung nach Einkommensklasse etc. Max Frisch bezeichnet Städtebau als politische Aufgabe der Bürgerschaft, des mündigen Citoyen. Das war, verblüffend genug, 1958 gesagt, vor einem halben Jahrhundert! Provozierender O-Ton Frisch: die Aufgabe stellt der Laie. Und wo sind wir heute?
Zunächst  wieder beim Entwicklungsforum und zwar ganz im Zentrum seines Selbstverständnisses.  Programmatisch bemüht es sich darum, Stadtentwicklung durch interdisziplinäre Arbeit als ganzheitliche Aufgabe begreifbar zu machen, die – ich zitiere aus der Satzung – „Expertenwissen mit der Betroffenheit der Bewohner zusammenführt“. Wir wissen alle, welcher Konfliktstoff genau an diesem Berührungspunkt lauert und welche emotionalen Kräfte hier oft genug freigesetzt werden. Es ist darauf hinzuweisen, wie sehr diese Vermittlungsarbeit, wenn sie nur ernst genommen wird, zentrale Fragen unserer Zivilgesellschaft berührt, unser demokratisches Selbstverständnis. In welcher Stadt wollen wir Zuhause sein, wie ist ihr Zusammenklang beschaffen von Architektur und Wirtschaft, Kultur- und Landschaftsraum? Zuletzt / zuerst: welches Leben wollen wir leben?

Blickt man zunächst über das Themenspektrum des Vereins seit seiner Gründung am 26.Oktober 1991, so fehlt kaum ein für die Allgemeinheit relevantes Projekt.
Im ersten Jahrzehnt waren das u.a. das Dresdner Verkehrskonzept und die Autobahn A13, Sanierung Äußere Neustadt und Erhaltungssatzung Elbhang, IGA 2003 und S-Bahn-Konzept, Erlwein-Speicher und Kongreßzentrum, Ostragehege und Königsbrücker Straße, Gewässerschutz und Bebauung Postplatz. Was für ein Spektrum. Wir erinnern uns an das Volumen dieser städtischen Themen, die oft mehrfach diskutiert wurden und z. T. -  eine schmerzliche Besonderheit dieser Stadt - noch immer ungelöst sind: 1998 wurde z.B. erstmals über die Königsbrücker Straße diskutiert. Heute konnten Sie in der Zeitung  vom problematischen vierspurigen Ausbau lesen, den ein in politischen Lagerkämpfen befangener Stadtrat gestern entschieden hat. Bis zur nächsten Revision?
Und wir erinnern uns an manche andere ambivalente Lösung nach langer Diskussion. Der Vielfalt der Themen steht also eine schwer wägbare Wirkung dieser Arbeit gegenüber. Umso wichtiger die Mediatoren-Funktion des Vereines: Vermitteln, zusammenbringen, Gespräch herstellen, eben: ein Forum bieten. Beteiligt waren an diesen Foren Vertreter von Stadtverwaltung und Architektenkammer, TU und HTW, Denkmalpflege und Bauwirtschaft und immer natürlich von Politik und diverse Bürgerinitiativen. Alle maßgeblichen Leute der Zunft waren bei Euch zu Gast und man kann nur ahnen, wie viel intensive Vorbereitungsarbeit jeweils von Nöten war. Auch wenn ich nur einen kleinen Teil dieser Diskussionsrunden erlebt habe, so weiß ich doch um die generelle Offenheit der Veranstalter für die Spannweite der Haltungen und Wünsche und oft handfesten Eigeninteressen aller Beteiligten. Dabei gab es auch glückliche Momente. In einer eher verfahrenen Situation gelang es  z.B. dem Entwicklungsforum in einer Diskussionsrunde um Erlweinspeicher und Kongreßzentrum die Verantwortlichen coram publico zu einer gemeinsamen Lösung zu bringen. Eine Sternstunde.  Es gehört kein geringes Maß an Empathie dazu, in zugespitzter Situation eine Diskussion produktiv zu halten  - Neutralität ist etwas anderes. Wie schnell solche Bemühung zur Akrobatik geraten kann, durfte ich einmal selbst erleben, als ich 2002 ein gemeinsames Podiumsgespräch von Entwicklungsforum und Elbhangfestverein zur „Streitkultur in Dresden“ zu moderieren hatte. Der zweite Teil des Abends hat die Relevanz des Themas massiv unter Beweis gestellt, jedenfalls habe ich ihn als fürchterliche Überanstrengung in Erinnerung  (historische Themen sind friedlicher - aber das stimmt natürlich auch nicht).
Nach den neurotisierenden DDR-Erfahrungen hatten wir vor allem zu lernen, wie mit Widersprüchen offen und couragiert umzugehen ist. Ein scharfes Hierarchie-Training, in Klammern sei’s gesagt, macht es nicht besser. Seit jenem Abend seid Ihr mit Eurem Mut in meinem Gemüt jedenfalls fest verankert.  
Sehe ich auf das folgende Jahrzehnt, habt Ihr Euch die Courage nicht abkaufen lassen, und vielleicht hat uns besagte Streitkultur-Erfahrung in der realen Streitkultur auch klüger gemacht, mindestens gelassener. Auch für die Zeit nach 2002 deshalb eine kleine Liste: diskutiert wurden vom Entwicklungsforum Lärmprobleme und Energiebedarf der Stadt, das große Thema Flutfolgen und Hochwasserschutz, und natürlich viele Städtebaufragen wie Fußballstadion und Dorfkern Altplauen, Lahmann-Sanatorium und innere Neustadt, Operette/TJG und Kulturkraftwerk.
Sicher die wichtigste Funktion bisher hatte das Entwicklungsforum in den jahrelangen zermürbenden Debatten um die Waldschloßchenbrücke und den Erhalt des Welterbestatus. Von Mitte 2007 bis Ende 2009 wurde vom Verein im Auftrag der Landeshauptstadt das „Welterbezentrum Dresdner Elbtal“ mit einem eigenen Büro im Lingnerschloss betrieben. In dieser für Dresden so elementaren Diskussion, die die Bürgerschaft gespaltet hat wie kein anderes Thema bis heute, waren Vermittlungen oft nicht mehr möglich und Ihr habt selbstverständlich auf der Seite der Verteidiger des Welterbes gestanden. Das brachte nicht nur Freunde und vor allem Konflikte mit dem Auftraggeber,  aber ihr wart auch nicht allein. Die Gretchenfrage „Brücke oder Welterbe“ hat so große Teile des Kulturbürgertums der Stadt mobilisiert, dass trotz der juristischen Niederlage der Brückengegner eine Art Terrainklärung erfolgte, die sowohl mit Enttäuschungen wie mit Botschaften neuen Selbstbewusstseins verbunden war: Politik muss künftig vorsichtiger sein. Muss sie das?
Das animiert zu der Überlegung, welche Rolle Bürgerschaftlichkeit heute überhaupt noch spielt. „Von der Bürgermündigkeit zur Bürgermüdigkeit“ überschrieb der Verein Weinbergkirche Pillnitz vor 10 Jahren griffig eine seiner streitbaren Diskussionsabende (beide Vereine passen gut zusammen). Die Anfangsjahre waren noch voller Enthusiasmus. Die bürgerschaftliche Entfaltung betraf damals ein ganzes Land, eine ganze Stadt. Schon statistisch betrachtet ist beeindruckend, was an Gründungen und Initiativen damals die Szene beherrschte. Am 14. März 1990 wurde das Dresdner Vereinsregister mit der Gesellschaft zum Wiederaufbau der Frauenkirche als Nr. 1 eröffnet. In den ersten 14 Tagen folgten u.a. (die Spannweite ist aufschlussreich): die Initiative Waldorff-Schule, der riesa-efau, der Baubund Sachsen und als Nr. 20 die Sezession 89, es folgten Neuer Sächsischer Kunstverein und der Sächsische Lehrerverband.  Nach genau einem Jahr Laufzeit des Registers wurde der 1000. Verein offiziell registriert, 1997 waren es 4000, heute zählt das präzise Amt im Raum Dresden weit über 5500 Vereine und Verbände. Man kann nicht annähernd schätzen, wie viele Menschen und welche Menge an freiwilliger Initiative sich hinter diesen als gemeinnützig anerkannten Zusammenschlüssen verbergen.

Nach den Anfangsjahren kamen freilich die anstrengenden Erfahrungen mit der Bürokratie und die gelegentlich leidvollen mit der Politik, die Interessendifferenzen und -polarisierungen und manche Resignation. Was wir heute zu verkraften haben sind nicht nur die sog. Mächte des Faktischen, sondern auch unsere begrenzten Einsichten in eine unbegrenzte Weltgesellschaft und die Ängste, die daraus wachsen können. Die permanente Wirtschaftskrise, die wir als Finanzkrise erleben, ist vor allem eine Wertekrise und die betrifft uns alle. Eine Gesellschaft wie die unsere, traditionell und noch immer triebhaft auf Wachstum gestellt und laut Peter Sloterdijk panisch von Prozentprognosen abhängig, muss sich bei Strafe ihrer Selbstgefährdung wandeln in Richtung Nachhaltigkeit (auch dazu lässt sich im Übrigen viel bei Max Frisch finden). Vielleicht ist es dieses Gefühl von Komplexität und Unausweichlichkeit, was unsere heutige Seelenlage so unterscheidet von der vor 20 Jahren.
Ich weiß, dass man mit solcher Problematisierung nicht dauernd leben kann, auch das Entwicklungsforum nicht. Klar ist aber auch, dass ohne ein geschärftes Gefühl für unser gesellschaftlichen Gefährdungen auch gutwillige Arbeit schnell richtungslos werden kann, unverbindlich. Ich meine, die Leistung dieses Bürgervereins besteht nicht zuletzt darin, immer wieder und immer neu auch diese zivilisatorische Dimension im Bewusstsein gehalten zu haben. Sie basiert vor allem auf der Energie seiner Akteure und einer partiellen Unbelehrbarkeit in jenem guten Sinn, der nicht bereit ist, Wertvorstellungen aufzugeben, die sich in den Auseinandersetzungen der letzten 20 Jahre, und also mindestens bis heute, eben doch als unersetzbar erwiesen haben.

Könnte es nicht sein, das gerade gegenwärtig diese Hartnäckigkeit aus einer Müdigkeitsphase in eine neue, d.h. vorsichtig veränderte Mündigkeit gefunden hat? Es ist ein energetisches Problem: Von Wutbürger zum Mutbürger? Wenn es so wäre, dann ist in Dresden das Entwicklungsforum daran nicht unwesentlich beteiligt. Fortschritt ist eine Schnecke, lässt Christoph Hein in einem seiner frühen Stücke einmal eine Figur sagen - na immerhin, sollte man da entgegnen.
Also, Gratulation an das Entwicklungsforum zu dieser beachtlichen Langstreckenleistung  und natürlich: weiterhin viel Courage bei Eurer Arbeit am Klang dieser Stadt.


 

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